17. Karmapa
Ogyen Trinley Dorje


„ Er ist nicht-sektiererisch, so erfüllt er alle Himmelsrichtungen; er ist nicht den einen nah und den anderen fern, so ist er der Schützer aller Wesen. Die Sonne des Buddha-Dharma, die allen Wesen dient, strahlt allezeit."

Be happy!

von S.E. Tai Situ Rinpoche:     http://www.youtube.com/watch?v=y5yPh8trI9k



Den inneren Buddha erwecken 

von  S.E. dem XII. Tai Situpa

(in Wien, November 1995)

SE Tai Situpa Nov. 1995 in Wien:

Das Erwecken der Buddhaschaft ist die wichtigste Grundlage und das Hauptprinzip der gesamten Lehren des Erhabenen Buddha. BuddhaNatur bedeutet definitionsgemäß, dass jedes einzelne fühlende Wesen – ganz gleich auf welcher Bewusstseinsebene es sich bewegt – seiner Essenz nach grenzenlos ist, dass die letztendliche Essenz eines jeden einzelnen fühlenden Wesens unbegrenzt ist. Das letztendliche Potenzial eines jeden fühlenden Wesens hat keinerlei Begrenzungen. Gleichzeitig ist die eigentliche Wesensnatur eines jeden fühlenden Wesens vollkommen. Das ist also die Definition von BuddhaNatur.

Aufgrund dieser Essenz, aufgrund dieses Potenzials wurde der Prinz Siddharta erleuchtet. Eben deshalb, und nicht, weil Prinz Siddharta irgendeine Art außergewöhnliches Potenzial gehabt hätte, das allen anderen fühlenden Wesen abginge. Nein, Prinz Siddhartas Potenzial ist dem Potenzial aller fühlenden Wesen ganz gleich. Aber Prinz Siddharta verwirklichte und befreite dieses Potenzial, und das ist es, was Erleuchtung bedeutet. Auf diese Weise können wir die Definition und Bedeutung von Buddha, dem Erwachten erkennen und wertschätzen, denn sie steht in einem absoluten Zusammenhang mit einem jeden von uns.

Buddha ist nichts Höheres und wir sind nichts Niedrigeres. Buddha jedoch ist erleuchtet, und wir sind es nicht. So können wir uns vielleicht selbst unerleuchtete Buddhas nennen. Gleichzeitig können wir ganz und gar versichert sein, dass diese BuddhaEssenz, diese BuddhaNatur, dieses grenzenlose Potenzial völlig unkorrumpierbar ist und nie verfälscht werden kann. Es gibt keine Möglichkeit, dass es zerstört oder irgendwie verdorben werden könnte. Denn diese unsere Essenz ist das Letztendliche, das Eigentliche, das Grundlegendste; nichts Relatives. BuddhaNatur ist die letztendliche Essenz eines jeden Einzelnen von uns. Und sie ist völlig jenseits jedweder Art von Begrenzung, was auch immer wir uns an Begrenztheit ausmalen könnten.

Wenn wir nun die Lehre des Erhabenen Buddha betrachten, können wir uns fragen, wie und warum Buddha lehrte. Buddhas Lehre ist Teil der grenzenlosen Befreiung von Buddha. Buddhas Lehre ist kein Vortrag Buddhas, Buddhas Lehre ist kein Werk Buddhas. Sie ist Teil der unbegrenzten Manifestation der grenzenlosen Befreiung dieses grenzen-
losen Potenzials. Das ist der Dharma und das ist die Lehre. Der Erhabene Buddha hatte nicht über uns nachgedacht und sich dann gesagt: „Wie kann ich es den Menschen vermitteln? Wie kann ich es diesen Menschen sagen? Wenn ich es so sage, werden sie es möglicherweise nicht verstehen. Wenn ich es aber so sage, werden sie es vielleicht verstehen. Wenn ich es so ausdrücke, werden sie mich mögen, wenn ich so spreche, werden sie mich nicht mögen.“ Nein, es handelt sich um die spontane Manifestation Buddhas. Als der Buddha lehrte, brauchte er keinen Übersetzer.
So ist es auch, wenn wir uns fragen, warum sich Buddhas Lehre manifestierte. Oder wenn wir ewas neurotisch sprechen, würden wir sagen: „Warum lehrte Buddha?“ Der Grund für die Manifestation von Buddhas Lehre liegt darin, dass alle fühlenden Wesen, die – wie wir – nicht erleuchtet sind, dass wir alle das gleiche Potenzial haben wie der Buddha und dass wir alle es gleich nötig haben wie der Buddha, erleuchtet zu sein; weshalb sich die Verwirklichung, die Befreiung Siddhartas als Dharma manifestierte, um uns alle in genau der gleichen Weise in Richtung der Befreiung zu führen, die Prinz Siddharta erlangt hatte. Auf diese Weise manifestiert sich der Dharma. Es handelt sich nicht um eine Extra-Sache, die zu schaffen Prinz Siddharta fertigbrachte; eine Extra-Sache namens Dharma. Nein! Es kommt daher, weil wir dieses Potenzial haben, weil es diese Seins-Bedingung gibt, und daher manifestiert sich der Dharma.
Wenn wir nun einen Schritt weiter schauen, dann können wir es als die Aspiration, als das Bestreben eines Individuums definieren, in der Vergangenheit als das Bestreben Buddha Shakyamunis, in der Gegenwart als das Bestreben von Individuen wie wir alle es sind, und in der Zukunft als das Bestreben von wem auch immer. Dieses Bestreben und diese Inspiration – der Wunsch nach Erleuchtung – ist das grundlegende Prinzip aller Buddhisten, ob es nun Mahayana- oder Vajrayana- oder Theravada-Buddhisten sind. Wir wollen dem Pfad und den vorausgegangenen Schritten Buddhas folgen. Wenn du einer anderen Religion folgst, dann wünscht du den Schritten deines jeweiligen Meisters zu folgen, wer immer der Gründer jener großen Religion ist, von wem her auch immer die große Religion sich manifestiert.

Wenn wir also aus buddhistischer Sicht sagen: „Ich möchte Erleuchtung erlangen“, was soll das wohl bedeuten? Natürlich könnten frisch beginnende Buddhisten, die nicht allzu viel Wissen haben, aber eine Menge Inspiration und alles Mögliche an Ideen haben: Ich möchte alle Macht auf Erden haben, ich möchte verschwinden, und weil Leerheit recht interessant klingt und einem recht praktisch und zweckmäßig erscheinen könnte, wenn man die wirkliche und tiefere Bedeutung nicht kennt, dann denkt man vielleicht: Jawohl, es wäre ganz interessant oder vielleicht sogar recht praktisch, jetzt einmal leer zu sein, insbesondere wenn man eine Menge Probleme hat. Da kommt dann vielleicht der Wunsch auf, möglichst zu verschwinden. Auf diese Art könnte es viele Ideen und Vorstellungen geben. Aber die Bedeutung von Erleuchtung und die Tatsache, dass wir der Erleuchtung bedürfen, sind ganz und gar auf die BuddhaNatur bezogen, auf das letztendliche Potenzial, das unsere BuddhaNatur ist.

Wenn wir also die Definition und Bedeutung von „Ich möchte erleuchtet werden“ richtig verstehen wollen, dann wird dies recht klar, wenn wir es zusammen mit BuddhaNatur verstehen. Denn bis unser letztendliches, grenzenloses Potenzial Erfüllung findet, werden wir niemals zufrieden sein, das ist garantiert. Ob wir das mögen oder nicht, so ist es einfach.
Wenn wir uns heutzutage in dieser Welt umsehen, da gibt es so viel Kriege an so vielen Orten, nicht wahr? Weshalb geschieht das? Es gibt alle möglichen Probleme, religiöse Probleme. Umweltprobleme, politische Probleme, alle Arten von Problemen überall. Weshalb ist das so? Und selbst wenn es keine derartigen Probleme gäbe, gibt es trotzdem immer große Probleme. Im Leben individueller Menschen, in individuellen Familien gibt es immer Probleme. Das ist so. Und wie groß solche Probleme sind, kann man sehr klar sehen: Es gibt viele Menschen, die sich selbst das Leben nehmen. Wenn sie kein großes Problem hätten, würden sie sich dann das Leben nehmen? Ich glaube nicht, nein. In Kriegen töten Menschen Menschen. Jemand tötet jemand anderen. Aber nicht nur im Krieg, selbst im behaglichen Zuhause töten Menschen einander. So gibt es in den Menschen sichtlich immer dieses Problem, diesen Kampf. Weshalb geschieht das? Weil es Unzufriedenheit gibt. Die Unzufriedenheit wird da sein, manchmal ernster und schwerwiegender, manchmal nicht so heftig, aber es wird sie immer geben, so lange es irgendwelche Begrenzung gibt. So lange Menschen sich nicht frei fühlen, so lange Menschen das Gefühl haben, dass sie begrenzt sind, so lange wird es immer ein Kämpfen und ein Ringen geben.

Wann wird daher, einfach gefragt, dieses Kämpfen und Ringen enden, wann wirst du Frieden finden und zur Ruhe kommen? Wann? Wenn du keinerlei Begrenzung mehr unterliegst, wenn du ganz und gar frei bist, wenn du einen freien und befreiten Zustand erreichst ohne jedwede Begrenztheit, wenn du dies erlangst, dann endet alles Kämpfen und alles mühevolle Ringen; bis dahin wird dieses Sich-Abkämpfen weitergehen. Ganz egal wie reich oder wie arm du bist, ganz egal wie verwirrt oder wie stabil du bist, ungeachtet all dieser Dinge wird dieses Ringen und sich Abkämpfen weitergehen, und deshalb ist Erleuchtung ein Muss. Die fühlenden Wesen werden sich abkämpfen und abmühen, bis sie erleuchtet sind. In buddhistischer Terminologie sage ich: Sie werden sich abkämpfen, bis sie Buddhas geworden sind. Wenn wir aber ein paar andere Worte verwenden wollen, dann können wir sagen: Bis sie frei sind, ohne jedwede Einschränkung und Begrenztheit, bis dahin werden sie kämpfen; und deshalb ist es ein Muss.

Natürlich heißt das nicht, dass wir schlecht sind, wenn wir nicht erleuchtet sind. Selbst wenn wir nicht erleuchtet sind, sind wir unserer Essenz nach Buddhas, immer. Die Definition dafür, nicht erleuchtet zu sein, leitet sich vom Sanskrit-Begriff Samsara her, auf Tibetisch Korwa. Korwa bedeutet: Im Kreis wandern oder gehen. Wir gehen auf diese Weise im Kreis, weil wir eine Sache finden, für die wir uns abkämpfen, und wenn wir es erreichen, dann finden wir eine ganze Reihe von Dingen, um die wir uns abmühen und abkämpfen, und wenn wir diese erreichen, dann findet sich wieder etwas anderes. Auf diese Weise geht es immer weiter. Und das ist ein Im-Kreis-Gehen. Dieser Kreis ist natürlich manchmal groß und manchmal klein. Wenn die Kreise groß sind, dann könnte es sein, dass wir nicht einmal wissen, dass wir in Kreisen im Kreis gehen. Und das nenne ich einen sehr erfolgreichen Kreis. Wenn die Kreise klein sind, dann dreht und schleudert es uns ordentlich, dann wird uns ganz übel und wir werden krank und alle möglichen Sachen passieren, und das ergibt dann rundum ein großes Durcheinander; so läuft es mit dem kleinen Kreis. Das ist es, was ich verwirrt und erfolglos nennen würde.

Nun ist es aber so, dass wir mit einem kleinen wie auch mit einem großen Kreis am selben Ort enden. Mit einem kleinen Kreis sind wir schneller dort, daher spüren wir es mehr. Bei einem großen Kreis spüren wir es nicht so schnell, und so haben wir eine Menge Dinge, die uns irgendwie als Entschuldigung dienen. Auf diese Weise läuft in Samsara letztlich alles fast auf dasselbe hinaus, egal wie hart wir arbeiten oder wie schnell wir laufen, ob wir spazieren oder ob wir kriechen. Wenn wir es im Kreis tun, werden wir früher oder später am selben Platz landen. Dieser Prozess also definiert Samsara, und das bedeutet, dass wir nicht unsere Bestimmung erlangen: Die Befreiung grenzenlosen Potenzials.

Auf diese Weise wird nun die Erleuchtung oder die Befreiung oder die Verwirklichung der BuddhaNatur eine Notwendigkeit; es bleibt nicht bloß bei einer Art Möglichkeit. Ob wir darum wissen oder nicht, ist völlig irrelevant. Es ist die Natur, die menschliche Natur oder die Natur der fühlenden Wesen, die irgendwie am Werk ist. Sie wirkt so, sie wirkte so und sie wird auch in Zukunft so wirken.

Wenn wir ganz ernsthaft in diese Welt und in unser Leben schauen, dann sehen wir, wie unser Leben das Modell dafür ist, wie die Welt ist und läuft. Die Welt ist aus Menschen, wie wir es sind, gemacht, und aus anderen fühlenden Wesen, die nicht so viel anders sind als wir. Auch wenn die Wertvorstellungen und Einstellungen manchmal ein wenig unterschiedlich sein mögen, aber im Großen und Ganzen ähneln wir uns. Natürlich gibt es an der Oberfläche unterschiedliche Wertungen: Wenn man einem menschlichen Wesen, einer Person eine Menge Geld gibt, dann wird diese Person darüber einigermaßen glücklich sein, gelinde gesagt. Und wenn du einem Hund, einem sehr netten Hund – ich respektiere Hunde sehr, sie sind sehr gute Leute – wenn du einem sehr netten Hund eine Menge Geld gibst, dann wird er das nicht groß wertschätzen. Wenn du ihm aber einen Knochen gibst, einen hübschen, guten Knochen von deinem Mahl, für welchen du keinerlei Gebrauch hast, dann wird der Hund das mehr schätzen als eine Million Dollar. Gibst du denselben Knochen einem Freund, so wird er dich dafür wahrscheinlich nicht gerade ins Herz schließen. Auf diese Weise ändern sich die Wertvorstellungen von Zeit zu Zeit, von einem Daseinsbereich zum nächsten,. Das Prinzip aber: „Ich möchte glücklich sein, ich möchte nicht leiden!“ ist immer gleich. Immer! Das kannst du sehr klar sehen.

Wenn du einen kleinen Käfer auf deinem Tisch spazieren siehst, und du machst ein bisschen Geräusche in seiner Nähe, dann wird er davon weglaufen. Er wird da nicht darauf zulaufen, das ist sicher. Denn da ist etwas, das könnte mich verletzen, da laufe ich besser davon. Das ist eine natürliche Gegebenheit. Und auf diese Weise ist es ganz irrelevant, ob wir etwas über BuddhaNatur wissen oder nicht, ob wir alles über Erleuchtung wissen oder nicht, es ist unsere innewohnende, letztendliche, eigentliche Natur: Dass wir uns abmühen und abkämpfen und dass wir damit fortfahren werden, bis sich diese schlussendliche Befreiung ereignet. Bis jetzt kann man von einem jeden von uns sagen, dass wir bereits zahllose Leben verbracht haben, und danach wird es vielleicht zahllose Leben so weitergehen, aber wir werden weitermachen. Das ist also der Grund, weshalb Erleuchtung oder die Befreiung dieses Potenzials eine Notwendigkeit ist, eine Bestimmung, ein Reiseziel.

In Bezug auf die BuddhaNatur, in Bezug auf die Essenz aller fühlenden Wesen ist das nun so zu sehen: So wie wir auf unserem Pfad voranschreiten, egal ob wir das nun als Buddhisten oder als Nicht-Buddhisten tun, also ganz ungeachtet unseres Glaubens, unserer Religion oder was immer, kommen wir der Befreiung jenes Potenzials immer näher. Wenn wir in unsere Gesellschaft schauen, dann sehen wir so viele Menschen, und manche nennen sich Buddhisten, manche nennen sich Christen und wieder andere nennen sich vielleicht Nicht-Gläubige. „Ich glaube an gar nichts!“ würden solche Menschen sagen. Auf diese Weise kann man da verschiedene Kategorien verwenden. Wenn man aber einmal bloß die Buddhisten selbst betrachtet: Es gibt da sehr reife Menschen, und es gibt völlig unreife Menschen; es gibt einige, die sich kein bisschen darum bemühen, reif zu sein, und es gibt andere, die sich sehr darum bemühen, reif zu sein. Das kann man sehen. Und wenn man dann die Nicht-Gläubigen betrachtet, solche, die sich selbst so bezeichnen, dann wird man ganz genau das gleiche Bild erleben: Es gibt manche, die sehr sehr reif sind, manche, die ganz und gar unreif sind; manche, die sich äußerst darum bemühen, reif zu sein, und andere, die nicht einmal einen Gedanken daran verlieren. Du siehst also genau dasselbe. Das Voranschreiten gibt es in jeder Gesellschaftsschicht und sozialen Gruppierung. Wenn man sich nun Hunde ansieht, wieder Hunde – und vielleicht denkt ihr jetzt, dass ich viele Hunde habe, was aber nicht der Fall ist – und man hat da zwanzig Hunde, so werdet ihr – wenn man sie wirklich kennenlernt – merken können, dass es auch unter ihnen ganz unterschiedliche Niveaus des Fortschritte-Machens gibt: Einige von ihnen sind ziemlich reife Hunde, andere Hunde sind nicht gerade reif, einige bemühen sich sehr, und manche bemühen sich ein bisschen. Das wird dann vielleicht vom Knochen abhängen. So ist das, und es ist sicherlich wahr.

Was soll das also nun bedeuten? Es bedeutet, dass das innere Potenzial sich auch ganz dementsprechend zeigt, inwieweit es erweckt ist. Davon hängt es ab. Für Buddhisten gilt es natürlich, die Praxis auf die Entfaltung unseres letztendlichen Potenzials auszurichten; die Lehre des Erhabenen Buddha, spricht diesbezüglich ja ganz klar und deutlich, indem sie den Begriff der BuddhaNatur, den Begriff des letztendlichen Potenzials zum Tragen bringt.
Von diesem Punkt an ist es vielleicht nötig, dass ich mich auf einen besonderen und bestimmten Text beziehe, weil es sonst bloß zu meiner eigenen Meinung wird, versteht ihr? Meine Meinung hat nicht mehr und nicht weniger zu besagen als eure Meinung. Es liegt also kein Nutzen darin, über meine Meinung zu sprechen. So müssen wir also jetzt auf die Linie zurückkommen. Denn Linie bedeutet definitionsgemäß folgendes: Buddha war erleuchtet, Buddha stellte keine Mutmaßungen über Erleuchtung an. Und Buddha hat auch nicht bloß in seinen Studien entdeckt, dass so etwas wie Erleuchtung eine Möglichkeit wäre. So ist das nicht. Buddha ist erleuchtet. Das also ist die Linie, das ist der Anfang der Linie. Und alles, was sich daraus manifestiert, ist Teil jener Erleuchtung. Das ist eine lebendige Linie. Diesbezüglich scheint es mir angemessen zu sein, mich ein wenig mit der Linie zu befassen, dahingehend, wie man mit dieser Entfaltung umgeht, die „den Inneren Buddha erwecken“ genannt wurde.

Ich beziehe mich jetzt auf einen Text des Erhabenen Maitreya. Maitreya lehrte seinem Schüler Asanga diesen besonderen Text, dessen Name auf Sanskrit „Mahayana Uttara Tantra“ lautet und der auf Tibetisch „Gyü Lama“ heißt, „Tegpa Chenpo Gyü Lama“. In diesem Text gibt es sieben Kapitel, und ich spreche nun über einen Teil aus dem vierten Kapitel. Dieses Kapitel handelt von der BuddhaNatur, und darin erläutert des Erhabenen Maitreya, folgende besonderen Punkte. Und Maitreya macht es ganz deutlich, dass es sich dabei um einen Kommentar zur Lehre des Erhabenen Buddha, des Herrn handelt. Als er Asanga lehrte, sagte er: „Ich spreche als Schüler des Erhabenen Buddha, und dies ist ein Kommentar zur Lehre des Erhabenen Buddha.“ Es geht hier also nicht um Maitreyas Ideen, sondern es geht um die Lehren Buddhas, die Maitreya seinen Schüler Asanga lehrte. Und in dieser Unterweisung geht es um drei spezifische Arten, wie die BuddhaNatur entfaltet werden kann. Auf letztendlicher Ebene gibt es natürlich nichts zu entfalten, nichts zu entwickeln, denn es ist immer schon vollkommen, aber relativ gesehen kann es entfaltet werden und muss es entfaltet werden. In dieser Sichtweise gibt es dabei drei vom Erhabenen Maitreya gelehrte Entwicklungsstufen.

Die erste von den dreien bezieht sich auf Anfänger, Anfänger im Sinne von „am wenigsten gereift“. Es geht dabei darum, wie sich das Verständnis der BuddhaNatur einem Anfänger entsprechend entwickeln kann und Fortschritte macht. Die zweite Entwicklungsstufe wird im Tibetischen mit „Takpa“ beschrieben. Takpa bezieht sich auf Bodhisattvas, die auch die Verwirklichung eines Bodhisattva haben, nicht auf jemand, der bloß das Bodhisattva-Gelübde genommen hat. Unmittelbar bedeutet Takpa so etwas wie „außerordentlich“ oder „höher“ oder ähnliches. Aber es meint „Bodhisattvas, die Bodhisattva-Verwirklichung haben“. Es geht hier also um das Verständnis und die Erfahrung der Natur des Geistes, der BuddhaNatur, wie es sich entsprechend dieser Stufe entfaltet. Und die letzte, die dritte, bezieht sich auf Buddha, den Erleuchteten.

So gibt es diese drei Stufen, wie wir mit dem Erwecken unserer BuddhaNatur umgehen können. Und zwar, wie das in praktischster und einfachster und direktester und greifbarster und erreichbarster Weise möglich ist.
Die am wenigsten gereifte Entwicklungsstufe, die grundlegende Stufe wäre also die erste. Wir müssen lernen, die Dinge, so wie sie sind, wertzuschätzen. Dies ist der erste Schritt. Hierauf beziehen sich dann auch die Lehren bezüglich der Kostbarkeit der menschlichen Lebensumstände und die Entwicklung dieser kostbaren Daseinsbedingungen durch Kontemplation, durch Praxis, durch Meditation. Dies ist der allererste Schritt, dass wir wissen müssen, dass wir okay sind. Wenn wir das nicht wissen, dann können wir nicht einmal beginnen. Wenn wir uns hassen oder wenn wir über uns selbst verzweifelt sind, wie werden wir dann andere lieben können, andere respektieren und wertschätzen können? Das wäre sehr schwierig. Wir müssen dann Alkohol zu uns nehmen, um uns selbst und andere wertzuschätzen. Wir müssen dann zehn Zigarren rauchen und drei von ihnen essen, um uns selbst und andere wertzuschätzen. Später müssen wir dann äußerst mächtiges Gift in unseren Körper aufnehmen, um die Wirklichkeit – wie könnte man sagen – völlig zu verzerren, um uns selbst und andere wertzuschätzen. Und wie weit kann man damit gehen? In welchem Ausmaß kann das von unseren Emotionen und von unserem Körper und von unserer Umgebung verkraftet werden? Es gibt Grenzen. Mit Ausnahme der BuddhaNatur hat alles Grenzen. Wir können also nicht gar zu weit damit gehen. Ich denke, drei Zigarren zu essen und zehn zu rauchen müsste genug sein.

Wir müssen also zuallererst bekräftigen und bestätigt finden, dass unsere letztendliche Natur und Essenz vollkommen ist. Unsere zugrundeliegende und natürliche Essenz, die BuddhaNatur, hat keine Begrenzung. Und sie ist unzerstörbar, sie ist unverbesserbar, und sie kann auch nicht verzerrt und nicht entstellt werden. Dies ist die Nummer-Eins-Sache, zu deren Bestätigung und Bekräftigung wir gelangen müssen. Damit ist die wichtigste, die essenziellste Basis-Arbeit getan. Wenn es diese Bekräftigung nicht gibt, dann müssen wir sie von außen bekommen; wie wir das aber ersetzen könnten, wüsste ich nicht zu sagen. In dieser Welt versuchen wir alle unsere Zuversicht ersatzweise von außen her zu stärken, durch Position, durch Geld, durch alle möglichen Mittel und Wege. So versuchen wir es zu ersetzen. Wir alle wollten jemand sein, wir sind aber bereits jemand. Doch solange wir das nicht wissen, versuchen wir es von außen zu bekommen. Und dafür gibt es dann kein Ende, absolut kein Ende.

Und deshalb ist die allererstrangigste Sache diese Bekräftigung und dieses Firm-Werden in diesem stark machenden, zutiefst bestätigenden Verstehen. Es gibt keine Zuversicht wie diese Zuversicht. Und es gibt keine Bekräftigung und Stärkung wie diese Stärkung, um zu beginnen.

Natürlich ist es Unsinn, wenn ich irgendeine Religion kommentiere, denn ich studiere Buddhismus nun mehr als vierzig Jahre, habe aber eine andere Religion keinen einzigen Tag lang unter einem Meister studiert. Es ist also lächerlich, wenn ich eine andere Religion kommentiere. Aber ich würde gerne folgendes mit euch teilen: Es ist jedoch ganz meine Sache und hat nichts mit der Übertragungslinie zu tun, also braucht ihr auch nichts davon zu glauben. Ich habe eine große Anzahl christlicher Mönche kennengelernt, und insbesondere wenn ich mit Benediktinermönchen zusammengetroffen bin, dann haben sie mir vom Universellen Christus und vom persönlichen Christus erzählt und darüber Beschreibungen gemacht. Und wenn sie mir dazu Erklärungen geben, dann klingt das sehr nach der BuddhaNatur. Ich sage jedoch nicht, dass es dasselbe ist; das wäre Mist, wenn ich das behaupten würde. Ich weiß es nicht. Mein Wissen über andere Religionen ist wie nichts. Auch mein Wissen über Buddhismus ist begrenzt, ich bin nicht Buddha oder so. Ich glaube also, dass diese grundlegende Verbindung mit dem, was wir wirklich für den Buddha in uns halten; diese wahre Verbindung ist das Allerwichtigste, ist der allerwichtigste Schritt.

Auf der Basis dieser grundlegenden Wertschätzung unserer Existenz gibt es besondere kontemplative Betrachtungen, um alle Bedingungen, die wir haben, wertzuschätzen und danach zu wissen, dass diese Bedingungen nicht für immer erhalten bleiben. Diese – äußerlichen – Bedingungen wandeln sich und sind im Gegensatz zu unserem inneren Seinszustand, zu unserem inneren Potenzial, das jenseits von Zeit ist, vergänglich. Heute sind wir hier und morgen sind wir nicht hier. Von allen unseren Freunden, die wir haben, werden wir uns am Ende trennen, das ist ganz natürlich so. Auf diese Weise ist alles vergänglich.

Und so ist all das fortschreitende Verständnis so wichtig, um dieses größere Vertrauen und Verstehen, das wir in Bezug auf die BuddhaNatur entfalten, ganz praktisch umzusetzen. Sonst wird folgendes passieren: Wir verstehen die BuddhaNatur da oben, aber wir sind nicht erleuchtet. Wenn wir also diese beiden verwechseln und uns darüber verwirren, wird es uns fürchterlich ergehen. Es gibt Leute, die herumgehen und denken: „Ich bin Buddha“, weil ich die BuddhaNatur verstehe. So etwas wird uns nie helfen, es wird uns schaden. Es wird jedem schaden, dem wir über den Weg laufen, wenn wir diese Art Missverständnis hegen. Wir müssen wissen, dass unser letztendliches Ziel so aussieht, dass aber unser relatives Erreichen und unsere relative Manifestation noch nicht da angelangt ist. Wenn wir einmal Buddha sind, dann ist das natürlich die allerbeste und größte Sache. Bis das aber geschieht, sollten wir uns nicht dieser Täuschung hingeben. Ansonsten könnte es geschehen, dass man sagt: „Ich bin Buddha“, und wenn einem viele Menschen glauben, dann fühlt man sich gut. Und eine einzige ehrliche Person da unten wird sagen: „Ich glaube nicht, dass du Buddha bist.“ Ich werde dann sehr wütend sein, und ich werde versuchen, diese Person zu überzeugen. Wenn diese Person dann immer noch nicht auf mich hört, werde ich sagen: „Ich werde meinen Anwalt damit befassen!“ Nun, was für eine Art Buddha ist das? Diese Art Täuschung sollte also nicht eintreten.
Aus diesem Grund muss unser Verhalten, auch wenn unser Verständnis – wegen des Buddha natürlich und wegen unserer Meister natürlich – tief und weit und profund ist, entsprechend dem Befinden unseres Geistes gestaltet sein, entsprechend dem Ausmaß und der Art unserer Eifersucht, unserer Ignoranz und Anhaftung, unseres Ärgers und unseres Stolzes usw. Demgemäß müssen wir die Lehren und Übungen des Buddha in unserem Leben zum Einsatz bringen, um uns besser zu entwickeln. Dies beschreibt den Prozess des Reifens.

In dieser Phase nun gehört es zum Wichtigsten, unser Verständnis der BuddhaNatur zu Bodhicitta, zum Herz des Erwachens weiterzuentwickeln. Es ist ein sehr einfaches Prinzip: Ich wünsche Erleuchtung zu erlangen zum Nutzen aller fühlenden Wesen, damit sie Erleuchtung erlangen. Den Grund dafür, weshalb Erleuchtung so notwendig ist, haben wir zuvor besprochen. Es geht also wieder um die Bestätigung und Bekräftigung des grundlegenden Potenzials, das wir auch in uns selbst bestärken. Ohne Bodhicitta, ohne diesen Geist des erwachten Herzens ist Erleuchtung unmöglich. Denn wenn ich nur für mich selbst erleuchtet sein möchte, wird es nie geschehen. Niemals. Wenn ich irgendeinen akademischen Grad für mich selbst bekommen möchte, so ist das sicherlich möglich. Wenn ich für mich selbst eine große Firma gründen möchte, dann kann ich das zweifellos tun. Wenn man etwas sein möchte, ein Jemand sein möchte, so geht das sicherlich auch. Aber mit der Erleuchtung, mit der Buddhaschaft, ist das so nicht möglich. Wenn ich nämlich „Ich, mir, mich“ sage, nur für mich selbst denke und fühle, was für eine Art Unbegrenztheit soll das sein? Im ganzen Universum kann ich nur ein einziges Ich finden. Da kannst du herumgehen und überall schauen, du wirst diesbezüglich nur einen finden, und das bist du. Alle anderen sind andere. Es gibt nur ein „Ich“. Und wenn du tief hineinschaust, wenn du dich hinsetzt und es ehrlich anschaust, dann erkennst du, dass es keine Glaubwürdigkeit und Zuverlässigkeit besitzt. Es existiert nicht in der Vergangenheit, nicht in der Zukunft, und in der Gegenwart ist es eine absolut wackelige Sache ohne jede Basis. Es ist wie ein Körper im Raum, der ständig fällt, ohne jeden Boden unter den Füßen. Es ist etwas da, das wir sind: „Ich“. Aber dieses „Ich“ kämpft sich ab und versucht andauernd, irgendwo Halt zu finden, weil es ständig und ohne Ende bodenlos ist, ohne jede Basis. Das ist das „Ich“. Wenn ich für mich selbst erleuchtet sein möchte, dann könnte ich keine größere Begrenzung finden als das. Und so wird grenzenlose Befreiung in der Begrenzung nicht stattfinden. Damit also diese Erleuchtung eintreten kann, muss die Buddhaschaft zum Wohl und Nutzen aller fühlenden Wesen sein, dass sie Buddhaschaft erlangen mögen. Dafür muss es sein. Buddhaschaft wird sich weder irrtümlich noch zufällig ereignen. Wir können uns nicht irgendwelche Tricks einfallen lassen und so Buddhas werden. Geht nicht. Natürlich können wir etwas Buddhafarbe auftragen und uns etwas Buddha-Fett zulegen und so tun, als sähen wir wie Buddha aus. Wir können niemanden verklagen, auf dass wir per Gerichtsprozess Buddhaschaft gewinnen. Geht nicht. Buddhaschaft kann nicht per Gesetz gewonnen werden. Buddhaschaft ist wahre und letztendliche und grenzenlose Befreiung. Es muss ganz freiwillig geschehen; wenn ich nicht erleuchtet sein wollte, wird es niemals geschehen. Und so muss es zum Wohle aller fühlenden Wesen sein, aufrichtig und rein, wie es der Grenzenlosigkeit und der Reinheit unserer selbst entspricht. Aus diesem Grund ist das der Geist des erwachten Herzens.

Durch diesen Erleuchtungsgeist werden wir fähig sein, die Hingabe und das Mitgefühl spontan zu manifestieren, was eine sehr sehr wichtige Sache ist. Das Mitgefühl und die Hingabe haben folgenden bedeutenden Aspekt: Samsara ist dadurch definiert, dass es auf Unwissenheit, auf Ignoranz gegründet ist. „Nicht zu wissen“ bedeutet was nicht zu wissen? Wenn wir unsere grenzenlose Essenz nicht kennen, dann nennen wir uns selbst „Ich“. Wir müssen uns selbst irgendwie nennen, also sagen wir „Ich“. Das aber ist die größte Begrenztheit, und das also ist die Definition von Unwissenheit, dieses „Ich“ oder „Selbst“. Von diesem aus wird aller Dualismus aufrechterhalten. „Ich“ und „du“, „ich“ und „ihr“. Selbst wenn ich heute Unterweisungen zur BuddhaNatur gebe, hört ihr von mir über BuddhaNatur. Ich bin der Sprecher, ihr seid die Zuhörer, und das ist ein Dualismus. Ich würde sagen, es ist positiver Dualismus, aber es ist ganz klar Dualismus. Und wie verwandeln wir diesen? Durch Hingabe und Mitgefühl wird dies umgewandelt. Durch Hingabe wird die Kluft, der Dualismus zwischen mir und dem Buddha transformiert; natürlich nach und nach, nicht augenblicklich. Und durch Mitgefühl wird der Dualismus zwischen mir und allen fühlenden Wesen schrittweise verwandelt. Und die Definition von Mitgefühl und Hingabe ist völlig auf Bodhicitta, auf den Geist des Erwachten Herzens und auf die BuddhaNatur gegründet. Du weißt, dass du das gleiche Potenzial wie Buddha hast. Auf diese Weise ist der Buddha für uns alle erleuchtet. Und ein wahres Verständnis dessen ist das, was wir Hingabe nennen, und wir wissen, dass alle fühlenden Wesen in ihrer Essenz Buddhas sind. Und wir wissen, solange sie es nicht wissen, wird es Leid geben. Und dieses wahre Verstehen des fühlenden Wesens und diese Achtung vor dem fühlenden Wesen als dem Buddha ist das Mitgefühl. Mitgefühl und Hingabe bedeuten nicht, dass du vor jemandem da oben Angst hast oder dass du irgendwie stolz bist gegenüber jemandem da unten. Hingabe ist Ehrfurcht zwischen dir und dem Buddha, und Mitgefühl ist Ehrfurcht zwischen dir und den fühlenden Wesen. Und Mitgefühl und Hingabe sind Ehrfurcht zwischen dem Buddha und den fühlenden Wesen und den fühlenden Wesen und Buddha. Mitgefühl und Hingabe sind also äußerst wichtig. Wenn wir ohne Mitgefühl und Hingabe versuchen, den Dualismus zu transformieren, dann ähnelt das sehr einer Situation, wo man in die Schule geht, um Nicht-Dualismus zu studieren und man einen akademischen Grad in Nicht-Dualismus erlangt. So ähnlich wäre das. Oder wir erfinden eine Maschine, in die man jemanden steckt, und dann wird diese Person nicht-dualistisch wieder ausgeworfen.

Darauf also beruhend haben alle Praxiswege, die man zu Beginn übt, mit einem Prinzip zu tun. Dieses eine Prinzip ist Ruhe, Stille, Ausgeglichenheit, Harmonie. Dies ist das Wichtigste. Wenn wir ganz verzweifelt Buddha sein wollen, wird es nie geschehen. Wir müssen Glauben und Vertrauen haben. Und darauf gegründet müssen wir zur Ruhe kommen. Das ist der Grund, weshalb Buddha uns zu meditieren lehrt. Buddha möchte, dass wir unabhängig sind – denn es ist unser Potenzial, frei zu sein – und nicht, dass wir auf immer und letztendlich von Buddha abhängig sind. Wenn Buddha wollte, dass wir völlig von ihm abhängig sind, würde er uns nicht Meditation lehren. Er würde sagen: Wenn du dich nicht benimmst, wird die Welt morgen in Brüche gehen! Wenn du dich nicht benimmst, wird etwas vom Himmel herunterkommen und dich auffressen! Alles mögliche dieser Art. Buddha würde Verzweiflung und Angst und Konflikt lehren. All das würde er lehren, wenn er wollte, dass wir von ihm abhängig sind. Er möchte, dass wir frei sind und dass wir ein Buddha sind, gleich frei. Deshalb lehrt er uns Meditation. Dadurch, dass man immer wieder meditiert, kommt nach und nach unsere BuddhaNatur an die Oberfläche.

Wenn du aufrichtig meditierst, mit aufrichtiger Hingabe und aufrichtigem Mitgefühl und reinem Bodhicitta, dem Herz des Erwachens, wirst du in kurzer Zeit ruhig werden, und deine innere Essenz wird sich ein wenig manifestieren. Du wirst klarer, du wirst freundlicher, gütiger, du wirst natürlicher, du wirst fähig, anderen zu vertrauen. Du bist fähig, anderen gegenüber Mitgefühl zu haben, du bist fähig, dir selbst zu vertrauen. Ich meine nicht, dass du einfältig wirst und jedem traust. Denn du wirst klarer werden, viel klarer. Du kannst sicherlich ganz entschieden dem letztendlichen Potenzial jedes einzelnen fühlenden Wesens vertrauen, deswegen musst du nicht dumm und einfältig sein. Sie sind Buddha, darauf kannst du dich verlassen. Daneben aber, wie sie sich verhalten würden und ob sie dich ausnützen würden oder nicht, darauf kannst du dich nicht verlassen. Du kannst jedenfalls nicht die ganze Zeit darauf vertrauen; manchmal kannst du es, aber nicht immer. So muss man auf relativer Ebene unterscheidendes Gewahrsein haben, um zu sehen, wer ist wer, und auch ein entsprechendes Gefühl haben. Es geht dabei aber nicht nur um dich; selbst wenn dich jemand betrügt, dann ist es schlecht für diese Person selbst, viel mehr so, als es für dich schlecht ist.
Auf diese Weise musst du natürlich ziemlich klar sehen. Aber diese Klarheit, dieses Vertrauen, dieser Glaube, dieses wahre Mitgefühl werden sich entwickeln, wenn du meditierst. Wenn du es sich manifestieren lässt, wird es sich manifestieren. Wenn wir hysterisch sind, und auf hysterische Weise versuchen, erleuchtet zu sein, ist es unmöglich. Nach der Lehre des Erhabenen Buddha, ist das unmöglich. Kein Buddha erlangte in der Vergangenheit Buddhaschaft auf hysterische Weise.

Dieser erste Teil ist der wichtigste für uns, denn die meisten von uns bewegen sich auf dieser Entwicklungsstufe, so könnten wir es sehen. Wir liegen also vielleicht nicht zu falsch, wenn wir sagen, dass wir auf dieser Ebene der Verwirklichung der BuddhaNatur ziemliche Anfänger sind. Die anderen beiden Entwicklungsstufen sind auch sehr wichtig, ich möchte noch kurz auf sie eingehen. Der zweite Aspekt der Entwicklung der Verwirklichung der BuddhaNatur beginnt mit der ersten Bodhisattva-Stufe: Die Definition eines Verwirklichten Bodhisattva, eines Bodhisattva der ersten Stufe ist folgende: Unmittelbar vor der Verwirklichung eines Bodhisattva auf der ersten Stufe wird diese Person so reif, dass diese Reife, diese Verwirklichung des Geistes niemals verloren gehen wird, und daher ist diese Person gerettet. Diese Person ist frei von Samsara. Das bedeutet, dass die Verwirklichung dieser Person stabil und tief genug ist, sodass es völlig unmöglich ist, dass sie wieder zerfällt.

Ein kleines Beispiel dafür wäre, und es ist kein exaktes Beispiel, nur ein einfaches Beispiel: Die Person hat ein Gleichgewicht erlangt. Sie hat alle Negativität auf der einen Seite, und alle Positivität auf der anderen Seite. Negativität bedeutet Anhaftung, Eifersucht, Wut, Ärger usw., Positivität bedeutet Mitgefühl, Hingabe usw. Wenn wir das normalerweise auf zwei Waagschalen legen, dann hat die Seite der Negativität gewöhnlich mehr Gewicht. Aus diesem Grund scheint es in der Welt so viel leichter zu sein, schlechte Dinge statt gute Dinge zu tun. Auf letztendlicher Ebene stimmt das nicht, aber relativ gesehen kommt es daher, weil wir viel mehr Negativität haben; das ist der einzige Grund. Durch die Praxis aber kehrt sich das um. Alles Positive von einem überwiegt bedeutend das Negative. Und daher ist es dann auch viel einfacher, positive statt negative Dinge zu tun. Wenn wir diesen Zustand erreicht haben und noch ein bisschen darüber hinaus kann man dann von Freiheit von Samsara sprechen. Und gleich danach, wenn du die BuddhaNatur erkennst, die Buddha-Essenz, wenn man sie zum ersten Mal nicht intellektuell, sondern wahrhaftig erkennt und verwirklicht – nicht nur als kurze Erfahrung, sondern wahrhaftig –, dann wird das als erste Bodhisattva-Stufe beschrieben.

Von diesem Zustand aus gibt es ein weiteres Fortschreiten, bis man der endgültigen Erleuchtung nahekommt. Und nun ist die dritte Stufe der Entwicklung der Verwirklichung der BuddhaNatur die Erleuchtung selbst. Dies bedeutet nun, wenn du Buddha wirst, wenn du schlussendlich die volle Erleuchtung erlangt hast, dass die Verwirklichung der BuddhaNatur voll zur Reife gekommen ist. Dass die BuddhaNatur völlig befreit ist, und dass daher deine Befreiung und Freiheit keinerlei Grenzen hat; und dass dies einzig und allein zum Wohl aller Wesen so ist. Dies ist die Definition der endgültigen Erleuchtung und der BuddhaNatur auf dieser Ebene. Im Vajrayana-Buddhismus wird sie durch Dharmakaya, Samboghakaya und Nirmanakaya beschrieben, also durch drei Kayas*, drei Modalitäten des Seins: Dies ist das Prinzip, von dem aus sie beschrieben wird.
Ich denke, ich muss hier nun enden, es ist ziemlich spät geworden. Und ich wollte unserem Dharma-Bruder hier danken. Würde er nicht übersetzen, würde ich wohl die halbe Zeit nur mit mir selbst sprechen...


*Kurze Erläuterung zu den 3 Kayas: Die drei Kayas sind Dharmakaya, Samboghakaya und Nirmanakaya:  Der Begriff Dharma bedeutet hier alles, jedes Phänomen, Existenz wie Leerheit. Dharmakaya ist die Dimension, welche die Essenz von allem ist, die Verkörperung von allem. Sambogha bedeutet völlig und vollständig, nichts ausgelassen, nichts ausgeschlossen. Samboghakaya ist der „Körper“ völliger Entwicklung. Nirmanakaya bedeutet Emanation oder Manifestation des Geistes in einem physischen Körper. Ein Individuum kann – abhängig von seiner Entwicklung – zahllose Formen gleichzeitig manifestieren. Wenn eine Person erleuchtet wird, ist der Geist Dharmakaya; die Energie, die Rede und   der Ausdruck sind Samboghakaya; und der physische Körper ist Nirmanakaya.

Der Geist, dessen wir uns jetzt gewahr sind, lernt, denkt, versteht, wird verwirrt usw., weil er von Verdunkelungen verschleiert ist. Was ist begrenzter, der Körper oder der Geist? Der Körper ist eindeutig begrenzter. Der Geist, wo und wie immer er im Augenblick ist, kann sich zu endlosem Gewahrsein ausdehnen. Er ist seinem Wesen und seinem Potenzial nach grenzenlos, auch wenn er in seinem relativ betrachteten gegenwärtigen Zustand klein erscheinen mag entsprechend dem grundlegenden Missverstehen, das Samsara genannt wird. Ständig begrenzen wir das grenzenlose Potenzial des Geistes, indem wir es in eine kleine Schachtel stecken, die „Ich“ genannt wird. Auf diese Weise wird der Geist, der grenzenlos ist, begrenzt. In einem der heiligen Gebete der Mahamudra-Linie, im Mahamudra-Gebet des 3. Karmapa, wird sehr klar ausgesprochen, dass man der grenzenlosen Essenz von einem selbst ständig begegnet, dass man sie aber ständig als „Ich“ missversteht. Dharmakaya verkörpert diese letztendliche grenzenlose Qualität, die tatsächliche Natur des Geistes, völlig gereinigt und völlig erkannt und verwirklicht.

Ein Gebet, das oft rezitiert wird, wird an die Buddhas der zehn Richtungen gerichtet, welche die tiefen Lehren zum Nutzen und Wohle aller fühlenden Wesen lehren. Dies drückt die Vielfältigkeit der Wege aus, in welchen zahllose Wesen Erleuchtung erlangen mögen, „in allen Richtungen“. Es bedeutet nicht, dass Tibetischer Buddhismus der einzige Weg zur Erleuchtung ist, sondern dass die richtige Methode, der richtige Weg überall gefunden werden kann, wo Klarheit und Wahrheit ist. Wenn Wesen darangehen, jene Methode zu verfolgen und zu verwirklichen, erlangen sie Erleuchtung. Das ist eine weitere Weise, die grenzenlose Qualität des Dharmakaya zu sehen.

Der Geist wird voll manifestierter Dharmakaya, wenn Erleuchtung erlangt wird. Völlig erleuchteter Ausdruck oder Rede manifestiert sich im Sambhogakaya. Dharmakaya wird nur erfahren, wenn ein Individuum die Erleuchtung der Buddhaschaft erlangt, aber der Samboghakaya wird auch von anderen erfahren. Nur sehr hoch entwickelte Individuen sind in der Lage, Buddhas Samboghakaya wahrzunehmen.

Der Erhabene Buddha sagte ganz klar in seinen Lehren, dass im Moment unser Körper der Samen des Nirmanakaya ist, unsere Rede der Samen des Samboghakaya und unser Geist der Samen des Dharmakaya.




Zitiert aus dem Buch „Den schlafenden Buddha erwecken“ v. XII. Tai Situpa.
Erscheinungstermin: Oktober 07 in der Edition Mandarava des Sequoyah-Verlags.
Das Buch kann im Maitreya-Institut bestellt werden (19,80 € plus Porto)



His Eminence The XIIth Chamgon Tai Situ Rinpoche

His Life

Tai Situ Rinpoche was born in Eastern Tibet in 1954 to a family of farmers. He is the twelfth in an unbroken line of incarnations to hold the Tai Situ title from 1377 to the present day, but his sacred lineage stretches back far further than that and includes such great masters as Dombi Heruka, and Marpa, (the spiritual teacher of Milarepa).

His twelfth reincarnation was recognised by His Holiness the 16th Karmapa - Rigpai Dorje, and he was enthroned, aged eighteen months, by the Karmapa, and received the hair-cutting ceremony from His Holiness the 14th Dalai Lama - Tenzin Gyamtso. Following the political changes he left Tibet to receive the transmission of the complete Kagyu Lineage as well as the Mahamudra and Shangpa Kagyu lineages under the spiritual guidance of the Karmapa. In 1975 he established his seat in India, known as Sherabling, and has overseen it's development into one of the main centres of learning & practice for the Kagyu lineage in the world today

In 1980 at the request of Buddhist and humanitarian organisations he began touring the world bringing the Buddha's teachings and the profound practices of the Karma Kagyu lineage to the global community presenting them directly in English. In 1989 he led the Pilgrimage for Active Peace that toured the world where he was joined by many great spiritual leaders such as their holinesses the Dalai Lama, Pope John Paul II, and Jagat Guru Shankaracharya.

In 1992 through the direct guidance of the the sacred Letter of Prediction left by the sixteenth Karmapa, the Chamgon Tai Situpa found the reincarnation of the Gyalwa Karmapa, and with the clear divine vision of His Holiness the Dalai Lama, and the acknowledgement of the State Oracle, the Tai Situpa and Goshir Gyaltsab Rinpoche performed the hair cutting ceremony and enthroned His Holiness the seventeenth Gyalwa Karmapa - Orgyen Trinlay Dorje - in Tibet. Following the Karmapa's escape from Tibet in 2000, the Tai Situ Rinpoche is now transmitting the Kagyu Lineage back to His Holiness.

His Activities

The Tai Situpa continues the traditions of the practice lineage of the Tai Situpas, and is renowned as a Buddhist Master training the next generation of Buddhist teachers. He is a great scholar, poet, calligrapher, architect, artist, geomancer and author of several books. As an individual concerned with the future of the world, the Tai Situpa organises and participates in events and conferences throughout the world.

Film-Clip von Seiner Eminenz Tai Situpa und der junge 17. Karmapa 1992 in Tsurphu:

http://www.youtube.com/watch?v=Phqkds-HxlQ&feature=related





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